Gedanken zum Weltgebetstag 2026: „Nigeria“
Bibeltext: Matthäus 11:28-30
Ein ‘betsames’ Land
Die NigerianerInnen sind Vizeweltmeister im Beten.
85% der Bevölkerung betet mindestens einmal täglich. Das ist absolute Weltspitze.
Na ja, ganz knapp hinter Indonesien.
Für fast jede Nigerianerin und jeden Nigerianer—ob Christin oder Muslime—ist das Gebet Teil des täglichen Lebens: einfach nicht wegzudenken!
Kaum eine bessere Nation, also,
um den WeltGEBETStag vorzubereiten.
Ich bin mir sicher,
dass die gesamte Vorbereitung,
inklusive der Wahl des Gebetstags-Mottos,
von Gebet begleitet wurde.
‘Kommt, bringt eure Last!’ heißt dieses Motto.
‘Kommt, bring eure Last!’
ist die Einladung der Nigerianerinnen.
‘Kommt, bring eure Last!’
ist Jesu’ Einladung an die Menschen,
die sich um ihn versammelt hatten.
‘Kommt, bringt eure Last!’
ist seine Einladung auch heute:
an die Christinnen in Nigeria,
an uns hier in Kollnau,
an alle Christen, die heute weltweit Gottesdienst feiern.
Kommt, bringt eure Last
‘Kommt, bringt eure Last!’
Welche Lasten bringen wir heute?
Ich?
Ihr und Sie?
Die Frauen Nigerias?
Unsere Welt?
Natürlich kommen mir zuerst meine eigenen ‘Lästchen’ und Lasten in den Sinn:
ein volles E Mail-Postfach,
Fenster, die dringend geputzt werden sollten,
baldige Abgabetermine,
zu besorgende Geburtstagsgeschenke,
Hormonschwankungen (bei mir und meinen Teenagern),
Ehrenamtskram,
und so weiter.
Ihr kennt es, stimmts?
Und unsere Welt umfasst noch ganz andere, komplexere ‘Lasten’:
Altern,
Beziehungskrisen,
Krankheiten,
Rassismus,
finanzielle Sorgen,
Klimaerwärmung,
häusliche Gewalt,
Rechtsruck, …
Und wer aus Nigeria
oder einem anderen Land hierher gekommen ist, trägt oft noch eine ganz besondere Last:
die Erwartung der Familie zuhause,
unterstützt zu werden – mit Geld, mit Gütern.
Dabei ist das Leben in Deutschland alles andere
als billig, erst recht bei niedrigem Einkommen.
Wenn wir jetzt noch beginnen, über Anschläge, Gewalt und Krieg nachzudenken … Hmm.
Ganz schön viele Lasten!
Und dennoch …
Nein: und gerade deshalb
sagt Jesus: ‘Kommt, bringt eure Last!’
Ablegen.
Loslassen.
Vertrauen.
Das ist gar nicht so einfach.
Wie soll das gehen?
Was würden unsere nigerianischen Gastgeberinnen wohl empfehlen?
Die Statistik legt es nahe: das Gebet.
Gebet als ein tägliches Ablegen unserer Lasten:
vielleicht ganz hingebungsvoll
auf Knien oder mit erhobenen Händen,
vielleicht beim wiederholen
von vertrauten Liedern oder Texten,
vielleicht im Stoßgebet
wenn schon wieder Scherben und Kakaospritzer den Küchenboden schmücken,
vielleicht als ehrlicher Herzensdialog
auf dem Weg zum Supermarkt,
vielleicht in einer bewusst angezündeten Kerze,
vielleicht durch eine zugewandte Herzenshaltung.
Gebet – dieses Lastenablegen – hat viele Gesichter!
Nehmt mein Joch auf euch
Und dann geht’s aber auch weiter
in unserem Bibeltext:
Er fordert uns heraus:
‘Nehmt mein Joch auf euch.’ sagt Jesus.
Was für ein komischer Ausdruck:
‘ein Joch aufnehmen’!
In der Vergangenheit, wenn ich das gelesen habe,
klang das anstrengend, unangenehm
und auch irgendwie schmerzlich.
Doch die vergangen Tage haben das verändert.
Da hing diese Bibelstelle
auf Augenhöhe mit einem Magnet
an unseren Kühlschrank geheftet.
Immer wieder fiel mein Blick auf den Zettel.
Plötzlich sind ganz andere Worte herausgesprungen:
gütig.
demütig.
Seelenruhe.
sanft.
leicht.
Wunderschön, oder?
Ganz zart und weich.
Eine Aufforderung,
nein, eine von Herzen kommende Einladung,
dem nachzufolgen
der ‘gütig und von Herzen demütig’ ist.
Verkehrte Welt
Wunderschön, ja,
aber auch etwas, na ja, verrückt.
So nach der Marke:
‘Gegensätze ziehen sich an’:
Ein Joch, das sanft ist.
Eine Last, die leicht ist.
Ein bisschen ‘verkehrte Welt’, oder?
Und das ist tatsächlich der Punkt:
‘verkehrte Welt’!
Man könnte auch sagen: ‘Königreich Gottes’.
Oder, wie in einem Buch,
das ich neulich gelesen habe: ‘Heilige Anarchie’.
Genau darum geht es, diese ‚verkehrte Welt‘!
Jesus als sanfter König, der in Demut herrscht.
Ganz im Gegensatz zu der brutalen
Römischen Besatzungsmacht seiner Zeit.
Eine Herrschaftsordnung,
die von Gebet und Hinhorchen getragen wird,
nicht von Parlamenten, Gerichten, und Militär.
Ein Joch, das nicht beherrscht und unterjocht.
Nein, statt dessen ein ‘Joch’, dass eine quasi ‘göttliche’ Verbindung versinnbildlicht;
eine Gemeinschaft,
die uns an einem Strang ziehen lässt,
über Raum und Zeit hinweg.
Und dann ist da die Aufforderung Jesu’
‘Lernt von mir!’
Dieses Lernen ist auch irgendwie ‘verkehrte Welt’.
Es besteht nicht aus intellektuellem Verstehen, akribischem Erklären und genauem Ausknobeln.
Es ist ein Lernen, das spielerisch ausprobiert und hautnah erfährt;
ein Lernen, das unperfekt und stolpernd dem Wanderlehrer nachfolgt.
Seelenfrieden
Und dann, irgendwie
(ich weiß auch nicht, wie genau)
werden wir, in Jesu Worten,
‘Ruhe finden für unsere Seelen’:
Ein Seelenfrieden,
der im Alltagschaos immer wieder zu spüren ist.
Ein Seelenfrieden,
der die Lasten leichter erscheinen lässt.
Ein Seelenfrieden,
der auch in den großen Bedrohungen unserer Zeit Hoffnung gibt.
Ein Seelenfrieden,
der unsere nigerianischen Schwestern (und Brüder) durch’s Leben trägt.
Diesen Seelenfrieden wünsche ich uns allen,
auf dass wir ihn in unser persönliches Umfeld
und unsere große komplexe Welt hinaustragen.
Amen.
